Die Erasmus-Kapelle der Wüstung Allscheid

Rund vierzig Jahre ist die Eifel Teil Preußens, die Erinnerungen an die kurtrierische Herrschaft verblassen. Knapp fünfzig Jahre ist es her, dass französische Truppen das Rheinland besetzten und im Geiste der Revolution dem uralt verkrusteten Feudalsystem ein Ende bereiteten. Große Freiheit ist gewonnen, doch was nutzt sie den jungen Menschen dieser Zeit, wenn ihr Hunger, Armut und Perspektivlosigkeit zur Seite stehen?

Denn mit den Geistern anderer Jahrhunderte verkehren,
ist fast dasselbe, wie reisen.
René Descartes: Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Wahrheitsforschung, 1637

 

Die Erasmus-Kapelle der Wüstung Allscheid

Wenn die Böden nicht genug für Alle hergeben? Wenn es nicht Arbeit für Alle gibt? Zugleich treffen immer wieder Nachrichten und Briefe aus der neuen Welt ein: Sie schildern eine bessere Welt, eine schönere Welt, voller Möglichkeiten und Verheißungen. Was soll man in der Kapelle noch beten und erbitten? Der ihr geweihte heilige Erasmus ist einer der vierzehn Nothelfer. Er hört seit jeher schon auf Anrufungen bei Hautleiden, Unterleibsbeschwerden und Krämpfen. Denn sein grausiges Martyrium bestand in der Folter des Ausdärmens.

Doch er ist auch Patron der Seefahrer. Und wie wäre es denn, die See zu überwinden, um in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu gelangen? Wie wäre es denn, hier am Alfbach alles hinter sich zu lassen? In den Gedanken der Menschen nimmt diese Frage immer weiteren Raum ein. Vom anfänglichen Tagtraum wird sie zur Gewissheit: Lasst uns aufbrechen! Alles verkaufen, um das Geld für die Reise zusammenzubekommen, sich von Allen verabschieden, die hierbleiben. Nicht ohne Kontroversen und Emotionen mag diese Entscheidung einhergegangen sein. Doch stärker ist die Hoffnung: Uns Allen wird es bald besser gehen. Wären wir doch nur schon dort.

1852 werden alle Häuser und Höfe nach Steiningen verkauft. Wie mögen die letzten Gebete der Allscheider in ihrer Kapelle gewesen sein? Über Nacht fällt ein ganzes Dorf wüst, nach und nach werden die Häuser abgebrochen, die Steine andernorts weiterverwendet. Einzig die Kapelle bleibt. Und von Zeit zu Zeit wird sie besucht von den Nachfahren der Auswanderer aus Allscheid. Ob die alten Gebete erhört wurden?

Heiligenhäuschen / Kapellchen in der Eifel

Heiligenhäuschen sind erstaunlich lebendige Orte der Eifel – mit einem Fenster in die Vergangenheit. Wer zu ihnen kommt, findet sie fast immer mit frischen Blumen und Zweigen geschmückt. Und unermündlich brennen in ihnen kürzlich entzündete Kerzen und Lichtlein. Viele dieser Häuschen wurden erst in den letzten Jahrzehnten errichtet. Andere haben eine jahrhundertealte Geschichte. Oft stehen sie zwischen Bäumen wie Linden, Eichen, Birken oder Ahorn.
Die Heiligenhäuschen geben meist Zeugnis von der Erfüllung eines Gelübdes. Etwas Gutes ist geschehen, für das innig gebetet, und das von tiefstem Herzen erhofft wurde. Die kleinen Häuschen bieten Raum für ein, zwei – manchmal bis zu vier Personen und dienen der stillen Andacht, der inneren Einkehr, dem persönlichen Dialog mit Gott. Sie sind Orte der Selbstbegegnung – mit den eigenen Sorgen, Hoffnungen, Ängsten und Wünschen. Womöglich sind sie auch Orte des Haderns mit Gott und der Welt und höchstwahrscheinlich auch Orte des Trostes. Oftmals sind kleine Tafeln des Dankes angebracht. Sie zeugen von Glück und geben dem Nächsten Hoffnung.

Die Fotografie und der Text entstammen dem Eifelkalender „Heiligenhäuschen in der Vulkaneifel 2018“ der Kreissparkasse Vulkaneifel.

Fotografie: © Sven Nieder | Text © Dr. Tim Becker